Was ich aus 250 Podcastfolgen gelernt habe

Als wir 2019 mit Campermen angefangen haben, hatten wir keine Ahnung, ob wir jemals 250 Folgen produzieren würden. Vermutlich hätten wir die Frage auch ziemlich merkwürdig gefunden. Wir wollten einen Podcast über Camping machen. Inzwischen sind es mehr als 250 Folgen geworden, mit Gesprächen, Interviews, Nachrichten, Tests, Reisen und ziemlich vielen Stunden am Mikrofon. Aus dem Podcast entstand eine Website, später ein Magazin, weitere Formate kamen hinzu. Insgesamt wurden die Folgen inzwischen fast zwei Millionen Mal abgerufen.

Ich war in dieser Zeit Co-Host, Gesprächspartner und Mitgründer, habe Themen entwickelt, Interviews vorbereitet und mich um Redaktion, Produktion und Technik gekümmert. Kurz gesagt: Ich kenne einen Podcast inzwischen von ziemlich vielen Seiten. 

Und einiges würde ich heute anders machen. Anderes wiederum genauso.

Konstanz schlägt Perfektion

Die erste Lektion klingt banal: Man muss weitermachen. Podcasts gehören zu den Formaten, bei denen sich Erfolg erstaunlich langsam bemerkbar machen kann. Die erste Folge erscheint und die Welt dreht sich einfach weiter. Auch bei Folge zehn wartet morgens keine jubelnde Menschenmenge vor der Tür. Das kann ernüchternd sein. Gleichzeitig entsteht mit jeder neuen Folge etwas, das am Anfang kaum sichtbar ist. Ein Archiv. Eine Hörgewohnheit. Vertrauen. Menschen abonnieren den Podcast, empfehlen einzelne Folgen weiter oder entdecken eine Episode Monate nach ihrer Veröffentlichung. Dafür muss man allerdings regelmäßig erscheinen.

Natürlich sollte ein Podcast gut klingen. Themen müssen vorbereitet sein, Gespräche brauchen Struktur und niemand möchte 45 Minuten lang einem schlecht eingepegelten Mikrofon zuhören. Aber Perfektion kann gerade am Anfang ein ziemlich wirksamer Verhinderer sein. Die perfekte Folge, die nie erscheint, hat exakt null Hörer. Nach mehr als 250 Folgen bin ich deshalb ein großer Freund von Qualität. Aber ein noch größerer von Kontinuität.

Themen schlagen große Namen

Natürlich freut man sich über bekannte Gäste. Ein prominenter Name macht sich gut in der Überschrift und kann Aufmerksamkeit bringen. Sowohl bei meinen eigenen Podcasts Campermen und Sprechblasen, als auch in meinen Kunden-Podcast für den ACV Automobil-Club Verkehr oder ABB E-mobility waren immer wieder berühmte Persönlichkeiten am Mikrofon. Nur garantiert eine bekannte Stimme noch lange keine gute Folge. Manche unserer interessantesten Gespräche entstanden nicht deshalb, weil jemand besonders bekannt war. Sondern weil die Person etwas zu erzählen hatte. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Ein guter Podcast braucht Menschen mit Erfahrungen, Wissen, Haltung oder einer ungewöhnlichen Geschichte. Und er braucht ein Thema, das neugierig macht. Wenn beides zusammenkommt, ist der Bekanntheitsgrad des Gastes erstaunlich unwichtig. Das hat auch meine Art verändert, Podcasts zu konzipieren. Ich frage heute weniger: Wen könnten wir einladen? Sondern zuerst: Worüber wollen wir sprechen? Danach stellt sich die viel interessantere Frage, wer dafür der beste Gesprächspartner sein könnte.

Gespräche entwickeln ein Eigenleben

Vor einem Interview weiß ich ziemlich genau, worüber ich sprechen möchte. Zumindest glaube ich das. Ich bereite mich vor, recherchiere, notiere Fragen und überlege mir eine Dramaturgie. Das halte ich nach wie vor für wichtig – und als Journalist gehört das zu meinem Handwerkszeug. Gute Gespräche entstehen selten dadurch, dass zwei Menschen einfach ein Mikrofon einschalten und hoffen, dass schon irgendetwas Interessantes passieren wird.

Aber dann passiert manchmal genau das, was in keinem Konzept stand. Ein Gast sagt etwas in einem Nebensatz. Man fragt nach. Die vorbereitete nächste Frage kann warten. Plötzlich bewegt sich das Gespräch in eine Richtung, die niemand geplant hatte. Oft sind das die besten Momente. Dafür muss man allerdings zuhören.

Das klingt bei einem Gesprächspodcast ebenfalls nach einer ziemlich selbstverständlichen Erkenntnis. Ist es nicht. Wer eine Liste mit 15 Fragen vor sich liegen hat, gerät schnell in Versuchung, sie auch abzuarbeiten. Frage. Antwort. Nächste Frage. So bekommt man ein Interview. Ein Gespräch entsteht erst, wenn man bereit ist, den Plan gelegentlich zu verlassen.

Der richtige Ton macht tatsächlich die Musik

Podcasts sind ein intimes Medium. Ein Text liegt vor einem. Ein Video schaut man an. Bei einem Podcast sitzt einem eine Stimme ziemlich direkt im Ohr. Das verändert die Wirkung. Menschen merken schnell, ob jemand eine Rolle spielt. Ob ein Gespräch tatsächlich interessiert oder lediglich moderiert wird. Ob zwei Hosts miteinander können. Ob Humor erzwungen ist. Und auch, ob ein Unternehmen unbedingt seine drei Kernbotschaften in einem vermeintlich lockeren Gespräch unterbringen möchte.

Deshalb lässt sich ein guter Podcast nicht einfach aus einem anderen Medium übersetzen. Eine Pressemitteilung mit Mikrofon bleibt eine Pressemitteilung. Der Ton muss zum Format, zu den Menschen und zum Thema passen. Er darf professionell sein, ohne steif zu werden. Persönlich, ohne Privatgespräch zu spielen. Unterhaltsam, ohne ständig unterhalten zu wollen. Das herauszufinden dauert. Was mich zur nächsten Lektion bringt.

Finetuning lohnt sich

Nach 250 Folgen klingt ein Podcast anders als nach fünf. Das sollte er zumindest. Man verändert Moderationen. Rubriken verschwinden. Fragen werden kürzer. Technik wird ausgetauscht. Abläufe werden einfacher. Man merkt, welche Länge funktioniert, wo ein Gespräch Tempo verliert und welche Elemente niemand vermisst, wenn man sie weglässt. Manchmal sind es winzige Veränderungen. Ein anderes Intro. Eine kürzere Anmoderation. Bessere Mikrofonpositionen. Eine andere Reihenfolge der Themen. Weniger Fragen im Vorgespräch. Ein sauberer Schnitt an der richtigen Stelle.

Keine dieser Veränderungen revolutioniert einen Podcast. Zusammen machen sie ihn besser. Ich halte deshalb wenig von der Vorstellung, dass man ein Format einmal entwickelt und danach nur noch produziert. Ein gutes Format bleibt stabil genug, um wiedererkannt zu werden, und beweglich genug, um sich weiterzuentwickeln.

Ausdauer zahlt sich aus

250 Folgen entstehen nicht durch einen besonders produktiven Nachmittag. Sie entstehen Woche für Woche. Das ist vermutlich die unspektakulärste Erkenntnis aus all den Jahren und gleichzeitig eine der wichtigsten. Reichweite wächst nicht linear. Es gibt Folgen, die sofort funktionieren. Andere werden erst Monate später entdeckt. Manche Themen, von denen man Großes erwartet hat, bleiben überraschend klein. Und manchmal entwickelt eine unscheinbare Episode eine Reichweite, mit der niemand gerechnet hat.

Man kann nicht alles planen. Man kann aber dafür sorgen, dass die nächste gute Folge erscheint. Über die Jahre entsteht daraus etwas, das mit einer einzelnen Veröffentlichung kaum zu erreichen ist: eine Bibliothek von Inhalten und eine Beziehung zu den Menschen, die regelmäßig zuhören. Fast zwei Millionen Abrufe klingen heute nach einer schönen Zahl. Sie bestanden allerdings irgendwann einmal aus dem ersten Abruf der ersten Folge.

Alleine ist doof

Das ist vielleicht die persönlichste Erkenntnis. Bei mehr als 250 Folgen bleibt es nicht aus, dass manchmal die Motivation fehlt. Oder die Idee. Oder beides. Dann hilft es, nicht alleine am Mikrofon zu sitzen. Ein guter Partner schließt solche Lücken. Und manchmal hält man sie einfach gemeinsam aus. Nicht jede Woche muss jemand mit einer fantastischen Idee um die Ecke kommen. Manchmal reicht es, gemeinsam so lange über ein Thema zu reden, bis daraus wieder etwas wird.

Dieser Austausch macht die Themen besser. Man muss erklären, warum man etwas interessant findet. Argumente werden klarer, Schwachstellen sichtbar. Und gelegentlich erklärt einem jemand, dass die vermeintlich brillante Idee vielleicht doch nicht ganz so brillant ist. Das ist nicht immer schön. Aber fast immer hilfreich. Ein Solo-Podcast hat diese eingebaute Korrektur nicht. Auch Unterstützung, Motivation und Inspiration muss man sich dort anders organisieren. Das kann funktionieren. Für mich liegt aber gerade im gemeinsamen Arbeiten eine der großen Stärken dieses Mediums.

Podcasting ist technisch ein ziemlich digitales Medium. Seine eigentliche Stärke ist für mich trotzdem sehr analog: Menschen reden miteinander.

 

Würde ich noch einmal einen Podcast starten?

Sofort. Aber ich würde heute anders beginnen. Nicht mit der Frage nach Mikrofonen. Nicht mit einem Jingle. Und vermutlich auch nicht mit dem Cover. Ich würde zuerst wissen wollen, warum dieser Podcast existieren soll. Was kann er erzählen, das in einem anderen Format nicht genauso gut funktioniert? Wer soll ihn hören? Welche Themen tragen nicht nur drei Folgen, sondern dreißig? Wer sitzt am Mikrofon und warum möchte man diesen Menschen regelmäßig zuhören? Erst danach würde ich über Technik nachdenken.

Nach mehr als 250 Folgen weiß ich ziemlich genau, wie man einen Podcast produziert. Die wichtigere Erkenntnis ist eine andere. Ein guter Podcast entsteht nicht am Mikrofon. Dort wird er nur aufgenommen.

Warum Unternehmen weniger Content produzieren sollten

Es gibt Websites, auf denen offensichtlich sehr viel gearbeitet wurde. Hunderte Seiten. Ein Newsroom mit Pressemitteilungen aus den vergangenen zehn Jahren. Produktinformationen, Whitepaper, Blogbeiträge, Interviews, Videos, Case Studies und irgendwo noch ein Podcast. Im Menü stehen sieben Hauptpunkte, darunter öffnen sich weitere Ebenen und ganz unten wartet ein Archiv mit 487 Treffern. Content ist also genug da.

Nur findet man nichts.

Das klingt zunächst nach einem Problem der Navigation. Tatsächlich beginnt es meistens viel früher. Unternehmen produzieren Inhalte, weil sie etwas zu erzählen haben. Neue Produkte, neue Projekte, neue Personalien, neue Studien, neue Kampagnen. Mit der Zeit wird die Website zu einem ziemlich gut gepflegten Aktenschrank. Und irgendwann weiß niemand mehr genau, was eigentlich in den Schubladen liegt.

Unternehmen denken in Abteilungen

Das ist verständlich. Ein Unternehmen hat eine Geschäftsführung, Marketing, Vertrieb, Kommunikation, Personalabteilung und verschiedene Produktbereiche. Also bildet die Website diese Struktur ab.

  • Unternehmen.
  • Produkte.
  • Karriere.
  • Presse.
  • Kontakt.

Darunter liegen dann die jeweiligen Inhalte. Für die Menschen im Unternehmen ist diese Ordnung vollkommen logisch. Schließlich arbeiten sie jeden Tag darin. Besucher tun das nicht. Sie kommen mit einer Frage. Was kann dieses Unternehmen für mich tun? Wie funktioniert dieses Produkt? Löst es mein Problem? Kennt sich dort jemand mit meinem Thema aus? Kann ich dieser Firma vertrauen? Wie nehme ich Kontakt auf? Niemand kommt auf eine Website und denkt: Ich würde jetzt gern herausfinden, welcher Geschäftsbereich für mein Problem organisatorisch zuständig ist. Trotzdem verlangen erstaunlich viele Websites genau das.

Mehr Content löst das Problem nicht

Wenn eine Website nicht ausreichend funktioniert, lautet eine erstaunlich häufige Reaktion: Wir brauchen mehr Content. Also wird produziert. Ein neuer Blogbeitrag. Noch eine Landingpage. Drei Social Posts. Ein Video. Vielleicht ein Podcast. Und weil generative KI bei der Produktion hilft, lässt sich die Menge inzwischen noch einmal deutlich erhöhen. 

Das eigentliche Problem bleibt bestehen. Aus einem unübersichtlichen Aktenschrank wird ein größerer unübersichtlicher Aktenschrank. Content besitzt nicht automatisch einen Wert, nur weil er veröffentlicht wurde. Er braucht eine Aufgabe. Soll ein Beitrag eine konkrete Frage beantworten? Expertise zeigen? Ein komplexes Thema erklären? Über Suchmaschinen gefunden werden? Einen Besucher bei einer Entscheidung unterstützen? Eine Debatte eröffnen? Zu einem Produkt führen? Wenn die Antwort lediglich lautet „Wir sollten zu diesem Thema auch etwas haben“, würde ich zumindest kurz überlegen, ob die Welt diesen Beitrag wirklich noch braucht.

Weniger produzieren, besser erzählen

Weniger Content bedeutet nicht, dass Unternehmen weniger zu sagen haben sollten. Im Gegenteil. Es bedeutet, genauer darüber nachzudenken, was sie sagen wollen. Statt fünfzehn Themen oberflächlich zu bespielen, kann es sinnvoller sein, drei oder vier konsequent zu besetzen. Statt jeden Monat vier Blogbeiträge zu produzieren, weil irgendwann jemand diese Frequenz festgelegt hat, können zwei wirklich gute Inhalte wertvoller sein.

Das widerspricht ein wenig der Logik, nach der Content lange produziert wurde. Mehr Seiten bedeuten mehr Keywords. Mehr Posts bedeuten mehr Sichtbarkeit. Mehr Veröffentlichungen bedeuten mehr Aufmerksamkeit. Nur funktioniert Aufmerksamkeit nicht nach Stückzahl. Hundert mittelmäßige Texte ergeben keine Themenführerschaft. Sie ergeben hundert mittelmäßige Texte.

Vorhandener Content wird erstaunlich schnell vergessen

Bevor ich neue Inhalte plane, interessiert mich deshalb zunächst, was schon vorhanden ist. Das kann ernüchternd werden. Auf vielen Websites liegen hervorragende Inhalte, die kaum jemand findet. Ein gutes Interview ist nach drei Jahren irgendwo im Newsarchiv verschwunden. Eine ausführliche Erklärung wurde für eine Kampagne geschrieben und danach nie wieder verwendet. Ein Experte hat in einem Podcast einen komplexen Zusammenhang hervorragend erklärt, aber niemand hat daraus etwas für die Website gemacht. Gleichzeitig produziert eine andere Abteilung gerade einen neuen Beitrag zum gleichen Thema.

Das ist nicht unbedingt ein Content-Problem. Es ist ein Architekturproblem. Guter Content sollte nicht nach seiner Veröffentlichung verschwinden. Er kann aktualisiert, erweitert, neu verknüpft und in andere Formate übersetzt werden. Aus einem guten Gespräch können mehrere Inhalte entstehen. Ein Grundlagenartikel kann über Jahre wachsen. Einzelne Beiträge können Teil eines größeren Themenschwerpunkts werden. Dafür muss man allerdings wissen, was man besitzt.

Eine Website sollte Themen erklären, nicht Zuständigkeiten

An diesem Punkt treffen Content-Strategie und Website-Architektur aufeinander. Wenn ein Unternehmen beispielsweise besonders viel über Elektromobilität weiß, sollte ein Besucher dieses Wissen erkennen können, ohne erst Pressemitteilungen, Produktseiten und Blogarchive zu durchsuchen. Das Thema braucht einen Ort. Dort können Grundlagen, aktuelle Entwicklungen, Produkte, Projekte, Experten, Interviews und weiterführende Inhalte zusammenkommen. Nicht, weil alles auf eine einzige Seite gepackt werden soll. Sondern weil Zusammenhänge sichtbar werden.

Eine gute Website führt Menschen durch ein Thema. Sie beantwortet zunächst die naheliegenden Fragen und bietet danach die Möglichkeit, tiefer einzusteigen. Das ist ein anderer Ansatz als die klassische Frage: Wo legen wir diesen Beitrag ab?

Google sieht ebenfalls Zusammenhänge

Das Ganze ist nicht nur für Menschen sinnvoll. Auch Suchmaschinen versuchen zu verstehen, wofür eine Website steht. Einzelne gute Texte helfen dabei. Eine klare thematische Struktur, sinnvolle interne Verknüpfungen und Inhalte, die ein Thema aus verschiedenen Perspektiven erklären, machen dieses Profil deutlicher.

Mit KI-basierten Suchsystemen wird der Zusammenhang noch wichtiger. Dort geht es nicht nur darum, mit einer einzelnen Seite für eine bestimmte Suchanfrage aufzutauchen. Systeme müssen erkennen können, welche Quelle zu einem Thema glaubwürdige, relevante und hilfreiche Informationen liefert.

Das lässt sich nicht einfach mit Masse erzwingen. Man kann Expertise nicht herbeipublizieren. Sie muss in den Inhalten erkennbar sein.

Nicht jeder Kanal braucht eigenen Content

Dasselbe gilt außerhalb der Website. Ein Unternehmen hat einen interessanten Gedanken und veröffentlicht ihn auf der Website. Dann braucht LinkedIn etwas. Der Newsletter ebenfalls. Für Instagram müsste man noch etwas anderes machen. Und der Podcast hat nächste Woche auch wieder einen freien Slot. So entstehen schnell fünf Produktionsaufträge aus einem einzigen Thema.

Man kann aber auch anders denken. Ein starkes Thema wird gründlich recherchiert. Vielleicht entsteht daraus zunächst ein ausführlicher Artikel. Ein Gespräch mit einem Experten vertieft einen Aspekt. Daraus lässt sich eine Podcastfolge entwickeln. Eine Grafik erklärt einen komplexen Zusammenhang. Im Newsletter wird nicht einfach alles wiederholt, sondern auf den interessantesten Punkt hingewiesen. Dann entstehen nicht fünf unabhängige Inhalte. Es entsteht eine Geschichte in mehreren Formen. Das spart nicht nur Arbeit. Es sorgt auch dafür, dass ein Unternehmen über verschiedene Kanäle tatsächlich dieselben Themen besetzt.

Löschen gehört zur Content-Strategie

Dieser Teil macht selten Spaß. Manchmal muss Content weg. Veraltete Seiten, Meldungen ohne heutigen Informationswert, doppelte Erklärungen, aufgegebene Formate und Texte, bei denen niemand mehr weiß, warum sie überhaupt veröffentlicht wurden.

Nicht alles muss für die Ewigkeit online bleiben. Manche Inhalte lassen sich zusammenführen. Andere aktualisieren. Einige weiterleiten. Und einige dürfen einfach verschwinden. Das Internet wird es verkraften. Eine gute Content-Architektur entsteht nicht nur dadurch, dass man entscheidet, was veröffentlicht wird. Sondern auch dadurch, dass man entscheidet, was nicht mehr gebraucht wird.

Erst der Bauplan, dann der nächste Text

Vielleicht ist das der Grund, warum ich bei Content-Projekten inzwischen relativ früh unbequeme Fragen stelle. Warum brauchen wir diesen Inhalt? Wo gehört er hin? Was haben wir zu diesem Thema bereits? Was soll jemand danach wissen oder tun? Und zahlt der Beitrag auf ein Thema ein, für das wir tatsächlich stehen wollen?

Nicht jede Antwort muss kompliziert sein. Manchmal ist ein einzelner Artikel genau das Richtige. Manchmal braucht ein Thema einen ganzen Schwerpunkt. Und manchmal stellt man nach zehn Minuten fest, dass man eigentlich gar keinen neuen Content braucht.

Auch das kann eine ziemlich gute Content-Strategie sein. Denn die meisten Unternehmen haben kein Problem damit, genügend Inhalte zu produzieren. Die größere Herausforderung besteht darin, aus all diesen Inhalten etwas zu bauen, das jemand versteht. Und das ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit als Content-Architekt.

Warum ein Tone of Voice mehr ist als eine Liste verbotener Wörter

„Innovativ“ bitte nicht verwenden. „Ganzheitlich“ auch nicht. Keine Superlative. Möglichst wenige Anglizismen. Kurze Sätze. Aktiv statt passiv. Und auf gar keinen Fall „maßgeschneiderte Lösungen“. Kann man alles so machen. Nur hat man danach noch keinen Tone of Voice.

Man hat eine Liste mit Wörtern und Formulierungen, die nicht vorkommen sollen. Das kann durchaus hilfreich sein. Gerade Unternehmen entwickeln mit der Zeit sprachliche Angewohnheiten, die niemandem mehr auffallen. Bis irgendwann jeder Geschäftsbereich „innovative und maßgeschneiderte Lösungen für die Herausforderungen von morgen“ anbietet. Solche Sätze sind nicht unbedingt falsch. Das Problem ist, dass sie von jedem stammen könnten.

Und genau da beginnt die eigentliche Arbeit am Tone of Voice.

Wie klingt ein Unternehmen?

Jeder Journalist hat seinen Stil, generell haben alle Menschen eine eigene Art zu sprechen. Manche kommen schnell auf den Punkt. Andere erzählen erst eine Geschichte. Einige sind sehr präzise, andere bildhaft. Manche machen Witze, bei anderen wäre man bereits überrascht, wenn sie überhaupt lächeln. Bei Unternehmen sollte es ähnlich sein.

Ein Tone of Voice beschreibt nicht einfach, welche Wörter verwendet werden dürfen. Er beantwortet die Frage, wie eine Marke klingt, wenn sie spricht. Ist sie selbstbewusst oder zurückhaltend? Fachlich oder zugänglich? Persönlich oder distanziert? Erklärt sie ausführlich oder setzt sie Wissen voraus? Darf sie humorvoll sein? Bezieht sie Position? Wie viel Nähe passt zu ihr?Und vor allem: Warum?

„Locker, aber professionell“ ist beispielsweise noch kein Tone of Voice. Es ist ein Wunsch. Und ein ziemlich verbreiteter dazu. Interessant wird es erst, wenn klar ist, was „locker“ für dieses Unternehmen bedeutet.

Sprache entsteht aus Haltung

Ein überzeugender Tone of Voice lässt sich nicht unabhängig von einer Marke entwickeln. Wer als Unternehmen für technische Kompetenz steht, sollte anders sprechen als eine Lifestyle-Marke. Ein junges Start-up kann anders auftreten als ein Unternehmen, dessen Kunden ihm sicherheitskritische Infrastruktur anvertrauen. Ein Campingmagazin darf seinen Lesern anders begegnen als eine Bank ihren Anlegern. Dabei geht es nicht darum, dass eine Bank keinen Humor haben darf oder ein Campingmagazin nicht seriös sein kann. Es geht um Glaubwürdigkeit.

Sprache vermittelt Haltung. Ob ein Unternehmen Menschen etwas zutraut. Ob es sie belehren möchte. Ob es sich selbst sehr wichtig nimmt. Ob es komplizierte Dinge verständlich erklären kann. Ob es Unsicherheit zugibt. Ob es klare Aussagen macht oder sich lieber hinter Formulierungen versteckt, gegen die garantiert niemand Einwände erheben kann. Man kann sehr viel über ein Unternehmen erfahren, ohne eine einzige seiner Markenbotschaften zu lesen. Man muss nur darauf achten, wie es spricht.

Das Problem mit den Adjektiven

Viele Tone-of-Voice-Projekte beginnen mit einer Handvoll Eigenschaften. Nahbar. Kompetent. Mutig. Klar. Menschlich. Dagegen lässt sich wenig sagen. Genau das ist das Problem. Kaum ein Unternehmen würde seinen gewünschten Sprachstil mit „distanziert, kompliziert, ängstlich und schwer verständlich“ beschreiben. Eigenschaften allein helfen deshalb wenig. Sie müssen übersetzt werden.

Wenn wir „kompetent“ sagen, bedeutet das dann, dass wir viele Fachbegriffe verwenden? Oder zeigt sich Kompetenz gerade darin, komplizierte Zusammenhänge ohne Fachsprache erklären zu können? Was heißt „mutig“? Laut zu sein? Eine Meinung zu haben? Dinge anzusprechen, die Wettbewerber lieber verschweigen? Und wenn eine Marke „menschlich“ sprechen möchte: Wie hört sich ein menschlicher Satz von ihr tatsächlich an? Erst mit solchen Fragen wird aus einer Sammlung sympathischer Adjektive ein brauchbares Werkzeug.

Gute Beispiele sind besser als zwanzig Regeln

Ein Tone-of-Voice-Guide sollte deshalb zeigen, nicht nur vorschreiben. Nehmen wir eine Produktmeldung. Man kann schreiben: „Mit der Einführung unseres innovativen Produkts setzen wir neue Maßstäbe und bieten unseren Kunden eine zukunftsweisende Lösung.“ Oder man sagt einfach, was das Produkt besser macht. Dieses Beispiel zeigt, dass es keine Liste verbotener Wörter braucht. Stattdessen braucht es Klarheit darüber, was man erzählen möchte und wie man seinem Publikum begegnet.

Genau deshalb arbeite ich als Content-Architekt bei Sprachleitfäden gern mit konkreten Situationen. Wie klingt eine Überschrift? Wie erklären wir ein kompliziertes Produkt? Wie reagieren wir auf Kritik? Wie schreiben wir über einen Erfolg, wie über einen Fehler? Wie spricht der CEO, wie der Kundenservice? Dabei darf die Sprache variieren. Ein LinkedIn-Post muss nicht wie eine Pressemitteilung klingen. Ein Podcast braucht eine andere Sprache als eine Produktseite. Und ein Text für Menschen, die ein Thema zum ersten Mal kennenlernen, muss anders funktionieren als einer für Fachleute. Trotzdem sollte man erkennen, dass dieselbe Marke spricht. Das ist die eigentliche Kunst.

KI macht Tone of Voice wichtiger, nicht unwichtiger

Inzwischen gibt es noch einen weiteren Grund, sich damit zu beschäftigen. Texte lassen sich heute in Sekunden produzieren. Generative KI kann Produktbeschreibungen, Social Posts, Newsletter, Artikel oder Pressemitteilungen schreiben. Sprachlich sind diese Texte häufig völlig in Ordnung. Manchmal sogar erstaunlich gut. Und genau deshalb entsteht ein neues Problem. Wenn alle dieselben Werkzeuge nutzen, mit ähnlichen Briefings und Aufforderungen wie „professionell, modern und zugänglich“ zu schreiben, beginnen Texte zwangsläufig ähnlich zu klingen.

Korrekt. Glatt. Freundlich. Austauschbar.

Ein klar entwickelter Tone of Voice wird damit wertvoller. Er gibt nicht nur Menschen Orientierung, sondern auch den Systemen, mit denen Inhalte produziert werden. Eine KI kann eine Stimme allerdings nur dann überzeugend treffen, wenn diese Stimme vorher jemand definiert hat. „Schreib in unserem Tone of Voice“ ist keine Anweisung. Es ist die Hoffnung, dass die Maschine schon wissen wird, was gemeint ist.

Ein guter Tone of Voice darf Grenzen setzen

Natürlich gehören Regeln dazu. Bestimmte Begriffe können unerwünscht sein. Es kann Vorgaben zur Ansprache geben, zum Gendern, zu Fachbegriffen, Abkürzungen oder zur Schreibweise von Produkten. Und manchmal lohnt sich tatsächlich eine Liste mit Phrasen, die niemand mehr lesen möchte. Nur sollte das nicht der Kern sein. Ein guter Tone of Voice schränkt Autoren nicht einfach ein. Er hilft ihnen, Entscheidungen zu treffen.

Kann ich hier einen Witz machen? Darf ich eine klare Meinung formulieren? Muss ich diesen Fachbegriff erklären? Wie direkt darf eine Überschrift sein? Wie viel Persönlichkeit verträgt dieser Text? Wenn ein Sprachleitfaden darauf Antworten gibt, wird er benutzt. Wenn er hauptsächlich aus Verboten besteht, wird er irgendwann in einem Ordner abgelegt.

Am Ende geht es um Wiedererkennbarkeit

Ein guter Tone of Voice funktioniert ähnlich wie eine vertraute Stimme. Man erkennt sie, bevor man darüber nachdenkt, warum. Nicht jedes Wort ist gleich. Nicht jeder Satz folgt demselben Muster. Die Stimme kann ernst sein, begeistert, erklärend oder gelegentlich humorvoll. Trotzdem bleibt etwas konstant. Haltung. Rhythmus. Nähe. Perspektive. 

Deshalb ist ein Tone of Voice keine Liste von Wörtern, die ein Unternehmen nicht verwenden darf. Er ist eine Entscheidung darüber, wie es klingen möchte, wenn jemand zuhört.