Als wir 2019 mit Campermen angefangen haben, hatten wir keine Ahnung, ob wir jemals 250 Folgen produzieren würden. Vermutlich hätten wir die Frage auch ziemlich merkwürdig gefunden. Wir wollten einen Podcast über Camping machen. Inzwischen sind es mehr als 250 Folgen geworden, mit Gesprächen, Interviews, Nachrichten, Tests, Reisen und ziemlich vielen Stunden am Mikrofon. Aus dem Podcast entstand eine Website, später ein Magazin, weitere Formate kamen hinzu. Insgesamt wurden die Folgen inzwischen fast zwei Millionen Mal abgerufen.

Ich war in dieser Zeit Co-Host, Gesprächspartner und Mitgründer, habe Themen entwickelt, Interviews vorbereitet und mich um Redaktion, Produktion und Technik gekümmert. Kurz gesagt: Ich kenne einen Podcast inzwischen von ziemlich vielen Seiten. 

Und einiges würde ich heute anders machen. Anderes wiederum genauso.

Konstanz schlägt Perfektion

Die erste Lektion klingt banal: Man muss weitermachen. Podcasts gehören zu den Formaten, bei denen sich Erfolg erstaunlich langsam bemerkbar machen kann. Die erste Folge erscheint und die Welt dreht sich einfach weiter. Auch bei Folge zehn wartet morgens keine jubelnde Menschenmenge vor der Tür. Das kann ernüchternd sein. Gleichzeitig entsteht mit jeder neuen Folge etwas, das am Anfang kaum sichtbar ist. Ein Archiv. Eine Hörgewohnheit. Vertrauen. Menschen abonnieren den Podcast, empfehlen einzelne Folgen weiter oder entdecken eine Episode Monate nach ihrer Veröffentlichung. Dafür muss man allerdings regelmäßig erscheinen.

Natürlich sollte ein Podcast gut klingen. Themen müssen vorbereitet sein, Gespräche brauchen Struktur und niemand möchte 45 Minuten lang einem schlecht eingepegelten Mikrofon zuhören. Aber Perfektion kann gerade am Anfang ein ziemlich wirksamer Verhinderer sein. Die perfekte Folge, die nie erscheint, hat exakt null Hörer. Nach mehr als 250 Folgen bin ich deshalb ein großer Freund von Qualität. Aber ein noch größerer von Kontinuität.

Themen schlagen große Namen

Natürlich freut man sich über bekannte Gäste. Ein prominenter Name macht sich gut in der Überschrift und kann Aufmerksamkeit bringen. Sowohl bei meinen eigenen Podcasts Campermen und Sprechblasen, als auch in meinen Kunden-Podcast für den ACV Automobil-Club Verkehr oder ABB E-mobility waren immer wieder berühmte Persönlichkeiten am Mikrofon. Nur garantiert eine bekannte Stimme noch lange keine gute Folge. Manche unserer interessantesten Gespräche entstanden nicht deshalb, weil jemand besonders bekannt war. Sondern weil die Person etwas zu erzählen hatte. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Ein guter Podcast braucht Menschen mit Erfahrungen, Wissen, Haltung oder einer ungewöhnlichen Geschichte. Und er braucht ein Thema, das neugierig macht. Wenn beides zusammenkommt, ist der Bekanntheitsgrad des Gastes erstaunlich unwichtig. Das hat auch meine Art verändert, Podcasts zu konzipieren. Ich frage heute weniger: Wen könnten wir einladen? Sondern zuerst: Worüber wollen wir sprechen? Danach stellt sich die viel interessantere Frage, wer dafür der beste Gesprächspartner sein könnte.

Gespräche entwickeln ein Eigenleben

Vor einem Interview weiß ich ziemlich genau, worüber ich sprechen möchte. Zumindest glaube ich das. Ich bereite mich vor, recherchiere, notiere Fragen und überlege mir eine Dramaturgie. Das halte ich nach wie vor für wichtig – und als Journalist gehört das zu meinem Handwerkszeug. Gute Gespräche entstehen selten dadurch, dass zwei Menschen einfach ein Mikrofon einschalten und hoffen, dass schon irgendetwas Interessantes passieren wird.

Aber dann passiert manchmal genau das, was in keinem Konzept stand. Ein Gast sagt etwas in einem Nebensatz. Man fragt nach. Die vorbereitete nächste Frage kann warten. Plötzlich bewegt sich das Gespräch in eine Richtung, die niemand geplant hatte. Oft sind das die besten Momente. Dafür muss man allerdings zuhören.

Das klingt bei einem Gesprächspodcast ebenfalls nach einer ziemlich selbstverständlichen Erkenntnis. Ist es nicht. Wer eine Liste mit 15 Fragen vor sich liegen hat, gerät schnell in Versuchung, sie auch abzuarbeiten. Frage. Antwort. Nächste Frage. So bekommt man ein Interview. Ein Gespräch entsteht erst, wenn man bereit ist, den Plan gelegentlich zu verlassen.

Der richtige Ton macht tatsächlich die Musik

Podcasts sind ein intimes Medium. Ein Text liegt vor einem. Ein Video schaut man an. Bei einem Podcast sitzt einem eine Stimme ziemlich direkt im Ohr. Das verändert die Wirkung. Menschen merken schnell, ob jemand eine Rolle spielt. Ob ein Gespräch tatsächlich interessiert oder lediglich moderiert wird. Ob zwei Hosts miteinander können. Ob Humor erzwungen ist. Und auch, ob ein Unternehmen unbedingt seine drei Kernbotschaften in einem vermeintlich lockeren Gespräch unterbringen möchte.

Deshalb lässt sich ein guter Podcast nicht einfach aus einem anderen Medium übersetzen. Eine Pressemitteilung mit Mikrofon bleibt eine Pressemitteilung. Der Ton muss zum Format, zu den Menschen und zum Thema passen. Er darf professionell sein, ohne steif zu werden. Persönlich, ohne Privatgespräch zu spielen. Unterhaltsam, ohne ständig unterhalten zu wollen. Das herauszufinden dauert. Was mich zur nächsten Lektion bringt.

Finetuning lohnt sich

Nach 250 Folgen klingt ein Podcast anders als nach fünf. Das sollte er zumindest. Man verändert Moderationen. Rubriken verschwinden. Fragen werden kürzer. Technik wird ausgetauscht. Abläufe werden einfacher. Man merkt, welche Länge funktioniert, wo ein Gespräch Tempo verliert und welche Elemente niemand vermisst, wenn man sie weglässt. Manchmal sind es winzige Veränderungen. Ein anderes Intro. Eine kürzere Anmoderation. Bessere Mikrofonpositionen. Eine andere Reihenfolge der Themen. Weniger Fragen im Vorgespräch. Ein sauberer Schnitt an der richtigen Stelle.

Keine dieser Veränderungen revolutioniert einen Podcast. Zusammen machen sie ihn besser. Ich halte deshalb wenig von der Vorstellung, dass man ein Format einmal entwickelt und danach nur noch produziert. Ein gutes Format bleibt stabil genug, um wiedererkannt zu werden, und beweglich genug, um sich weiterzuentwickeln.

Ausdauer zahlt sich aus

250 Folgen entstehen nicht durch einen besonders produktiven Nachmittag. Sie entstehen Woche für Woche. Das ist vermutlich die unspektakulärste Erkenntnis aus all den Jahren und gleichzeitig eine der wichtigsten. Reichweite wächst nicht linear. Es gibt Folgen, die sofort funktionieren. Andere werden erst Monate später entdeckt. Manche Themen, von denen man Großes erwartet hat, bleiben überraschend klein. Und manchmal entwickelt eine unscheinbare Episode eine Reichweite, mit der niemand gerechnet hat.

Man kann nicht alles planen. Man kann aber dafür sorgen, dass die nächste gute Folge erscheint. Über die Jahre entsteht daraus etwas, das mit einer einzelnen Veröffentlichung kaum zu erreichen ist: eine Bibliothek von Inhalten und eine Beziehung zu den Menschen, die regelmäßig zuhören. Fast zwei Millionen Abrufe klingen heute nach einer schönen Zahl. Sie bestanden allerdings irgendwann einmal aus dem ersten Abruf der ersten Folge.

Alleine ist doof

Das ist vielleicht die persönlichste Erkenntnis. Bei mehr als 250 Folgen bleibt es nicht aus, dass manchmal die Motivation fehlt. Oder die Idee. Oder beides. Dann hilft es, nicht alleine am Mikrofon zu sitzen. Ein guter Partner schließt solche Lücken. Und manchmal hält man sie einfach gemeinsam aus. Nicht jede Woche muss jemand mit einer fantastischen Idee um die Ecke kommen. Manchmal reicht es, gemeinsam so lange über ein Thema zu reden, bis daraus wieder etwas wird.

Dieser Austausch macht die Themen besser. Man muss erklären, warum man etwas interessant findet. Argumente werden klarer, Schwachstellen sichtbar. Und gelegentlich erklärt einem jemand, dass die vermeintlich brillante Idee vielleicht doch nicht ganz so brillant ist. Das ist nicht immer schön. Aber fast immer hilfreich. Ein Solo-Podcast hat diese eingebaute Korrektur nicht. Auch Unterstützung, Motivation und Inspiration muss man sich dort anders organisieren. Das kann funktionieren. Für mich liegt aber gerade im gemeinsamen Arbeiten eine der großen Stärken dieses Mediums.

Podcasting ist technisch ein ziemlich digitales Medium. Seine eigentliche Stärke ist für mich trotzdem sehr analog: Menschen reden miteinander.

 

Würde ich noch einmal einen Podcast starten?

Sofort. Aber ich würde heute anders beginnen. Nicht mit der Frage nach Mikrofonen. Nicht mit einem Jingle. Und vermutlich auch nicht mit dem Cover. Ich würde zuerst wissen wollen, warum dieser Podcast existieren soll. Was kann er erzählen, das in einem anderen Format nicht genauso gut funktioniert? Wer soll ihn hören? Welche Themen tragen nicht nur drei Folgen, sondern dreißig? Wer sitzt am Mikrofon und warum möchte man diesen Menschen regelmäßig zuhören? Erst danach würde ich über Technik nachdenken.

Nach mehr als 250 Folgen weiß ich ziemlich genau, wie man einen Podcast produziert. Die wichtigere Erkenntnis ist eine andere. Ein guter Podcast entsteht nicht am Mikrofon. Dort wird er nur aufgenommen.