Eigentlich müsste der Campingboom längst vorbei sein. Während Corona waren Fahrzeuge ausverkauft, Lieferzeiten lang und Campingplätze voll. Danach kamen Inflation, hohe Zinsen und Reisemobile, bei deren Preisschild man kurz überprüfen möchte, ob versehentlich eine kleine Eigentumswohnung ausgezeichnet wurde. Trotzdem ist Camping nicht wieder in der Nische verschwunden. Im Gegenteil. 2025 wurden in Deutschland rund 56 Millionen Übernachtungen auf Campingplätzen gezählt, hinzu kamen rund 20 Millionen Übernachtungen auf Stellplätzen. Camping ist also weiterhin populär. Aber die Branche verändert sich, und manches, was während der Boomjahre selbstverständlich erschien, wird gerade neu sortiert.
Camping ist im Mainstream angekommen
56 Millionen Übernachtungen sind keine Zahl für ein etwas spleeniges Freizeitvergnügen. Camping ist längst ein relevanter Teil des Tourismus, und damit verändern sich auch die Erwartungen. Wer heute einen Campingplatz bucht, erwartet häufig Dinge, die vor 20 Jahren keineswegs selbstverständlich waren. Vernünftige Sanitäranlagen gehören ebenso dazu wie gutes WLAN, Online-Buchung, Gastronomie oder zumindest eine Infrastruktur, die nicht den Eindruck macht, sie sei 1987 zum letzten Mal modernisiert worden. Das muss nicht bedeuten, dass jeder Campingplatz zur Ferienanlage mit Poollandschaft und Animation wird. Im Gegenteil. Ich mag kleine Plätze, auf denen nicht viel passiert. Aber auch dort möchte ich heute unkompliziert buchen und mit Karte bezahlen können.
Der Corona-Boom ist vorbei, Camping nicht
Auch der Fahrzeugmarkt zeigt diese Normalisierung. 2025 wurden in Deutschland gut 94.000 neue Freizeitfahrzeuge zugelassen. Das waren etwas weniger als im Vorjahr, wobei Reisemobile sogar leicht zulegen konnten. Noch interessanter finde ich den Gebrauchtmarkt. Mehr als 192.000 gebrauchte Freizeitfahrzeuge wechselten 2025 den Besitzer, so viele wie nie zuvor. Darin zeigt sich ziemlich gut, was gerade passiert. Die Menschen haben nicht plötzlich die Lust am Camping verloren, sie schauen aber genauer aufs Geld. Ein gebrauchtes Wohnmobil oder ein Mietfahrzeug kann schließlich genauso zuverlässig an einen See in Schweden fahren wie ein Neufahrzeug mit fünfstelliger Aufpreisliste.
Vielleicht werden wir wieder vernünftiger
In den vergangenen Jahren wurden Fahrzeuge immer größer, schwerer und teurer. Gleichzeitig ließ sich jeder freie Zentimeter mit zusätzlicher Technik ausstatten. Solaranlage, Lithiumbatterie, Wechselrichter, Klimaanlage, Satellit, Fernseher und elektrische Hubstützen. Irgendwann hatte man ein Fahrzeug gekauft, um möglichst unabhängig zu reisen, und benötigte eine Bedienungsanleitung wie für ein kleines Passagierflugzeug. Ich glaube deshalb, dass die Frage „Was brauche ich wirklich?“ wieder wichtiger wird. Davon könnten kleinere Fahrzeuge ebenso profitieren wie Gebrauchtmarkt und Vermietung. Schließlich muss nicht jeder Mensch, der gerne mit einem Camper verreist, zwangsläufig einen besitzen.
Campingplätze müssen professioneller werden
Auch die Plätze verändern sich. Eine Schranke, die zwischen zwölf und drei Uhr geschlossen bleibt, passt immer weniger zu Menschen, die ansonsten ihre komplette Reise über das Smartphone organisieren. Digitale Buchung und Bezahlung, automatisierter Check-in, vernünftiges WLAN und flexiblere Anreise werden selbstverständlicher werden. Gleichzeitig hoffe ich, dass Camping dabei nicht zu einem Hotelbetrieb wird, bei dem zufällig Wohnmobile auf dem Parkplatz stehen. Denn ein Teil des Reizes liegt gerade darin, dass nicht alles durchstandardisiert ist. Ich möchte nicht überall in Europa dieselbe Urlaubswelt vorfinden.
Stellplätze werden wichtiger
Wer mit dem Wohnmobil unterwegs ist, reist häufig anders als jemand mit Wohnwagen. Viele bleiben nur eine oder zwei Nächte und ziehen dann weiter. Dafür braucht es nicht immer einen voll ausgestatteten Campingplatz. Ein guter Stellplatz mit Strom, Wasser und Entsorgung reicht oft vollkommen. Gerade für Städte und kleinere Gemeinden steckt darin eine Chance. Wohnmobilreisende übernachten nicht nur. Sie kaufen ein, gehen essen, besuchen Museen oder fahren mit dem Fahrrad in die Umgebung. Ein vernünftig geplanter Stellplatz ist deshalb auch touristische Infrastruktur und kann lokale Wirtschaft fördern.
Elektrisch wird es ebenfalls
Die Elektrifizierung von Wohnmobilen ist allerdings komplizierter, als manche Präsentation auf einer Messe vermuten lässt. Ein elektrischer Camper braucht nicht nur Reichweite und Ladeleistung, sondern eine Ladeinfrastruktur, die mit großen und hohen Fahrzeugen funktioniert. Wer schon einmal mit einem langen Camper versucht hat, eine normale Ladesäule zwischen Pollern, Bordsteinen und Blumenkübeln zu erreichen, versteht das Problem ziemlich schnell. Trotzdem wird die Elektrifizierung kommen. Wahrscheinlich zunächst stärker bei kompakten Campervans als bei großen Reisemobilen. Parallel wird auch auf Campingplätzen die Frage wichtiger, wie Ladeinfrastruktur und steigender Strombedarf sinnvoll zusammengebracht werden können.
Digitaler, aber hoffentlich nicht vollständig digital
Ich liebe gute Apps. Ich möchte einen Campingplatz unterwegs finden, sehen, ob noch etwas frei ist, buchen und bezahlen können. Aber ich möchte nicht für jede Dusche einen QR-Code scannen und drei Benutzerkonten anlegen. Camping lebt für mich ohnehin von einem interessanten Widerspruch: Wir kaufen immer bessere Technik, um anschließend draußen vor dem Camper zu sitzen und möglichst wenig zu tun. Vielleicht ist genau das der Grund, warum Camping auch nach dem Boom nicht wieder verschwindet. Es wird professioneller, digitaler und wahrscheinlich noch vielfältiger. Neben großen Wohnmobilen stehen kompakte Campervans, neben klassischen Campingplätzen entstehen Stellplätze und neue Übernachtungsformen. Mieten und Gebrauchtkauf werden wichtiger, gleichzeitig verändert neue Technik die Fahrzeuge. Im Kern bleibt aber erstaunlich viel gleich. Menschen wollen raus, unterwegs sein und selbst entscheiden, wann sie fahren und wo sie bleiben. Und wenn man abends vor dem Camper, Wohnwagen oder Zelt sitzt und für einen Moment denkt, dass man gerade eigentlich nicht mehr braucht, funktioniert Camping noch genauso wie früher.
