Beim ersten Campingurlaub nimmt man zu viel mit. Das ist kein Vorurteil, sondern beinahe ein Naturgesetz. Man steht zu Hause vor dem Camper und überlegt, was man unterwegs brauchen könnte. Eine zweite Pfanne vielleicht. Drei Paar Schuhe mehr. Werkzeug. Ersatzdecken. Ein Verlängerungskabel. Noch ein Verlängerungskabel. Und irgendwo findet sich bestimmt noch Platz für die große Campingliege.
Ich campe seit mehr als 40 Jahren. Erst im Zelt, später im Bulli, dann im Wohnmobil. Zeitweise war ich mehr als 100 Tage im Jahr unterwegs, 2021 habe ich sogar eine Weile in meinem alten Wohnmobil gelebt und gearbeitet. Trotzdem ertappe ich mich noch heute gelegentlich bei dem Gedanken: Das könnte unterwegs nützlich sein.
Meistens ist es das nicht.
Camping lernt man eben nicht vollständig aus Büchern, Videos oder Packlisten. Nicht einmal, wenn man selbst ein Buch darüber geschrieben hat und inzwischen ein Camping-Experte ist. Man lernt es unterwegs. Und einige Fehler gehören offenbar dazu.
Fehler Nummer eins: Für jede Situation gerüstet sein wollen
Das vielleicht größte Missverständnis beim Camping lautet: Wir müssen alles dabeihaben. Müssen wir nicht. Campingplätze liegen in der Regel nicht außerhalb der Zivilisation. Es gibt Supermärkte, Baumärkte und Campinggeschäfte. Wenn tatsächlich etwas fehlt, lässt es sich meistens kaufen.
Viel problematischer ist das, was nicht fehlt. Jeder zusätzliche Gegenstand braucht Platz und bringt Gewicht. Bei Wohnmobilen und Wohnwagen kommt irgendwann die zulässige Gesamtmasse ins Spiel. Bei Vans merkt man bereits vorher, dass fünf Dinge aus dem Schrank fallen, wenn man an das sechste herankommen möchte.
Mein Rat für die erste Reise ist deshalb ziemlich einfach: weniger. Und nach der Reise schaut man sich an, was man kein einziges Mal benutzt hat. Bei der nächsten Tour bleibt davon möglichst viel zu Hause.
Der Camper ist kein Auto mit Schlafzimmer
Die erste Fahrt mit einem größeren Wohnmobil kann irritierend sein. Plötzlich sitzt man deutlich höher, das Fahrzeug ist breiter, länger und vor allem höher als der eigene Pkw. Kurven brauchen mehr Platz. Der Bremsweg fühlt sich anders an. Beim Rückwärtsfahren ist dort, wo sonst die Heckscheibe wäre, möglicherweise eine Wand.
Das alles ist kein Problem, wenn man sich darauf einstellt. Problematisch wird es, wenn man nach zehn Minuten fährt, als säße man wieder im eigenen Auto. Besonders die Fahrzeughöhe sollte man kennen. Nicht ungefähr. Sondern in Metern und Zentimetern. Brücken, Parkhäuser, Äste, Tankstellendächer und Durchfahrten interessieren sich nämlich wenig dafür, dass man gerade Urlaub hat. Ich würde die Höhe auf einen Zettel schreiben und gut sichtbar ins Cockpit legen. Ja, das wirkt etwas albern. Ein abgerissenes Dachfenster wirkt allerdings alberner.
Die schönste Route ist manchmal die schlechteste
Google Maps findet wunderbare Straßen. Manche davon möchte man mit einem Wohnmobil trotzdem nicht kennenlernen. Bei einer Reise durch Sardinien musste ich das schmerzlich feststellen. Wir suchten einen Platz für die Nacht, es fing an zu regnen. Ein Fleckchen direkt am Meer sah auf der Karte super aus, sogar eine Straße dorthin wurde angezeigt. Die Realität sah so aus: Die viel zu enge Straße endete irgendwann vor einem riesigen Schlagloch, an eine Weiterfahrt war nicht zu denken. Also Rückwärtsgang einlegen und Zentimeter für Zentimeter zwei Kilometer zurück. Wir schliefen letztendlich auf einem Supermarkt-Parkplatz.
Navigation im Camper funktioniert anders als im Pkw. Eine Strecke kann auf der Karte perfekt aussehen und in der Realität durch enge Ortskerne, über schmale Straßen oder unter niedrigen Brücken hindurchführen. Deshalb lohnt sich ein Navigationssystem oder eine App, bei der sich die Fahrzeugmaße hinterlegen lassen.
Und manchmal hilft die älteste Navigationsmethode der Welt: auf Schilder schauen. Wenn vor einer Straße ein Schild steht, das eine Durchfahrt für Fahrzeuge der eigenen Größe ausschließt, gewinnt das Schild gegen die App. Immer.
Zu viel Strecke planen
Dieser Fehler ist besonders verführerisch. Man schaut auf die Karte und denkt: Wenn wir schon einmal da sind, könnten wir doch noch schnell dorthin. Und wenn wir dort sind, ist dieser andere Ort schließlich auch nur 180 Kilometer entfernt. So entsteht aus einem Campingurlaub eine Lieferroute.
Mit dem Camper unterwegs zu sein, bedeutet für mich gerade, nicht jeden Tag möglichst viele Kilometer abzureißen. Man braucht Zeit zum Ankommen, Aufbauen, Einkaufen, Kochen, Spazierengehen und Herumsitzen. Letzteres wird bei der Reiseplanung sträflich unterschätzt.
Ein guter Campingtag kann daraus bestehen, morgens die Tür zu öffnen, Kaffee zu kochen und festzustellen, dass man heute nirgendwohin muss. Dafür muss im Reiseplan allerdings Platz sein.
Jeden Campingplatz vorher buchen
Das Gegenteil kann genauso anstrengend werden. Wer jede Nacht Wochen vorher reserviert, besitzt Planungssicherheit. Gleichzeitig wird aus einer Reise schnell eine Kette von Terminen. Dienstag müssen wir dort sein. Donnerstag geht es weiter. Samstag wartet der nächste Platz.
In der Hochsaison und in beliebten Regionen sind Reservierungen sinnvoll oder sogar notwendig. Das gilt auch, wenn man mit Kindern reist oder einen ganz bestimmten Platz ansteuern möchte. Aber wenn Reisezeit und Region es erlauben, lasse ich gern Lücken.
Vielleicht gefällt ein Ort besser als erwartet. Vielleicht regnet es drei Tage. Vielleicht gibt jemand auf dem Campingplatz einen Tipp für einen See, von dem man vorher noch nie gehört hat. Ein bisschen Ungewissheit gehört für mich zum Camping. Sonst könnte ich auch eine Pauschalreise buchen.
Zu spät ankommen
Spontan reisen bedeutet allerdings nicht, nachts um halb elf auf einem Campingplatz aufzutauchen und zu erwarten, dass jemand begeistert die Schranke öffnet. Campingplätze haben Anreisezeiten. Rezeptionen schließen. Ruhezeiten beginnen. Gerade Anfänger unterschätzen, wie angenehm es ist, bei Tageslicht anzukommen. Man findet seinen Stellplatz, kann in Ruhe rangieren, Strom anschließen und herausfinden, wo Sanitärgebäude, Wasserstelle und Müllentsorgung liegen. Das alles funktioniert im Dunkeln ebenfalls. Es macht nur deutlich weniger Spaß.
Den Stellplatz nicht ansehen
Ankommen, einparken, fertig. Fast. Vorher lohnt sich ein kurzer Blick auf den Stellplatz. Wo steht man möglichst gerade? Wo ist der Stromanschluss? In welche Richtung fährt die Markise aus? Wo sitzen später die Nachbarn? Gibt es Äste, Steine oder eine Senke? Und vor allem: Komme ich morgen wieder weg?
Das klingt banal. Bis man morgens feststellt, dass ein Baum exakt dort steht, wo man zum Rangieren Platz bräuchte. Zwei Minuten Nachdenken vor dem Einparken können erstaunlich viel Rangierarbeit sparen.
Strom ist nicht einfach Strom
Stecker rein, fertig. Auch hier lautet die Antwort: fast. Auf vielen europäischen Campingplätzen ist der blaue CEE-Stecker Standard. Ein passendes Kabel gehört deshalb zur Grundausstattung. Adapter können ebenfalls sinnvoll sein. Interessanter wird die Frage, wie viel Strom der Stellplatz tatsächlich liefert. Nicht jeder Anschluss ist gleich stark abgesichert. Wer gleichzeitig Wasserkocher, Heizlüfter, Kaffeemaschine und Föhn betreibt, kann deshalb schneller für Dunkelheit sorgen als geplant. Camping bringt einem ganz nebenbei erstaunlich viel über Watt, Ampere und die Leistungsaufnahme von Haushaltsgeräten bei. Meistens unmittelbar nachdem die Sicherung herausgeflogen ist.
Wasser wie zu Hause verbrauchen
Zu Hause dreht man den Hahn auf. Im Camper hört man irgendwann die Wasserpumpe und beginnt nachzurechnen. Wie groß war der Tank noch einmal? Wer nicht dauerhaft an Frisch- und Abwasser angeschlossen ist, entwickelt schnell ein anderes Verhältnis zu Wasser. Duschen, Abwaschen, Zähneputzen und Kochen verbrauchen erstaunliche Mengen. Das bedeutet nicht, dass Campingurlaub aus drei Wochen Katzenwäsche bestehen muss. Man lernt nur, Wasser bewusster zu benutzen. Und irgendwann erkennt man erfahrene Camper auch daran, wie effizient sie Geschirr spülen können.
Den Abwassertank vergessen
Frischwasser fällt auf, wenn es leer ist. Abwasser fällt auf, wenn es voll ist. Idealerweise bemerkt man beide Situationen etwas früher. Grauwasser aus Küche und Dusche gehört an die dafür vorgesehenen Entsorgungsstationen. Gleiches gilt selbstverständlich für die Kassettentoilette. Beides einfach irgendwo in der Natur zu entsorgen, ist keine clevere Abkürzung. Eine der nützlichsten Campingroutinen lautet deshalb: Bei jeder passenden Gelegenheit kurz überlegen, was aufgefüllt und was geleert werden sollte. Wer wartet, bis etwas dringend wird, entdeckt die nächste Entsorgungsstation garantiert 80 Kilometer entfernt.
Auffahrkeile sind keine Dekoration
Der Stellplatz sieht gerade aus. Ist er nicht. Das merkt man spätestens nachts im Bett, wenn man das Gefühl hat, langsam Richtung Fußende zu rutschen. Auffahrkeile gehören für mich deshalb zu den unspektakulären Dingen, deren Sinn man manchmal erst nach der ersten schiefen Nacht versteht. Man muss den Camper nicht mit der Wasserwaage auf Laborstandard ausrichten. Aber halbwegs gerade schläft es sich besser. Auch Kühlschränke können je nach Bauart empfindlich auf starke Schräglage reagieren.
Die Markise bleibt nicht einfach draußen
Sonne. Blauer Himmel. Kein Wind. Also Markise raus. Ein paar Stunden später zieht eine Böe über den Platz. Markisen entwickeln dabei erstaunliche Kräfte. Deshalb gehören sie ordentlich abgespannt oder bei stärkerem Wind eingefahren. Wer den Platz für längere Zeit verlässt, sollte ebenfalls überlegen, ob sie draußen bleiben muss. Das Wetter diskutiert nicht darüber, ob man nur kurz zum Supermarkt wollte.
Camping ist kein Wettbewerb
Der Nachbar hat Solar auf dem Dach, Lithiumbatterien im Doppelboden, eine Außendusche, Satelliteninternet und vermutlich könnte sein Wohnmobil im Notfall eine Kleinstadt mit Strom versorgen. Schön für ihn. Man braucht das alles nicht, um campen zu können. Gerade Anfänger geraten schnell in eine Ausrüstungsspirale. Noch bevor die erste Reise begonnen hat, werden Dinge gekauft, von denen man vorher nicht wusste, dass sie existieren. Meine Empfehlung wäre heute: erst fahren. Danach weiß man ziemlich schnell, was tatsächlich fehlt. Campingausrüstung löst Probleme. Man sollte nur warten, bis man das Problem überhaupt hat.
Und dann sind da noch die anderen
Camping bedeutet Nähe. Der nächste Stellplatz beginnt manchmal zwei Meter hinter der eigenen Markise. Man hört Gespräche, Kinder, Hunde, Geschirr und gelegentlich Musik, bei der man sich fragt, warum ausgerechnet dieses Lied die Erfindung des Bluetooth-Lautsprechers überlebt hat. Ein bisschen Rücksicht macht das Zusammenleben erheblich angenehmer. Nicht quer über fremde Stellplätze laufen. Nachts leise sein. Den Hund nicht überall hinpinkeln lassen. Abwasser korrekt entsorgen. Den Motor nicht minutenlang im Stand laufen lassen. Eigentlich sind die meisten Campingregeln keine Campingregeln. Es sind Benimmregeln.
Der wichtigste Anfängerfehler
Vielleicht besteht der größte Fehler darin, alles richtig machen zu wollen. Das wird ohnehin nicht funktionieren. Irgendwann fährt man los, während noch eine Schublade offen ist. Man vergisst den Adapter. Steht schief. Hat zu viel eingepackt. Bucht einen Campingplatz, der auf den Fotos wesentlich romantischer aussah. Oder sitzt bei Regen unter der Markise und fragt sich, warum man nicht einfach ein Hotel genommen hat.
Das gehört dazu. Vielleicht ist genau das sogar einer der Gründe, warum Camping nach mehr als 40 Jahren für mich noch immer funktioniert. Es ist nicht perfekt planbar. Man muss improvisieren, Dinge weglassen, Pläne ändern und gelegentlich über sich selbst lachen.
Und dann gibt es diesen anderen Morgen. Man öffnet die Tür. Draußen ist es still. Der Kaffee ist fertig, der Tag noch nicht verplant und plötzlich versteht man ziemlich genau, warum so viele Menschen immer wieder mit einem kleinen Zuhause auf Rädern losfahren.
Camping muss man nicht perfekt beherrschen.
Man muss einfach irgendwann anfangen.
