Ahoi, ich bin ein Pirat

Dies ist das Outing eines naiven Wählers: Die Piratenpartei hat ein neues Mitglied.


Ich erinnere mich noch genau an die bärtigen Pulloverträger im Hamburger Senat. An die strickenden Tanten, die stillenden Mütter. An die Angst in den Gesichtern der anderen Abgeordneten. Das muss damals wirklich schlimm für die Volksvertreter gewesen sein, mit diesen Freaks Redezeit zu teilen, die weder Krawatten noch Anstand kannten. Es war vorbei mit dem elitären Club.

Die Grünen veränderten meine Sicht auf die Politik. Bis dahin war ich noch sehr geprägt von meinen Eltern. Nun konnte ich mich emanzipieren, auch wenn ich das damals sicher nicht so genannt habe. Klar, dass ich bei meiner ersten Wahl ganz stolz mein Kreuz bei der Farbe der Hoffnung setzte.

Seit einem Vierteljahrhundert waren es die Grünen, denen meist meine Stimme, aber immer meine Sympathie galt. Dennoch bin ich nie Mitglied der Partei geworden. Und irgendwann, als die Außenseiterpartei den Außenminister stellte, fing die Liebe an zu erlöschen. Die Grünen und ich, wir hatten uns auseinandergelebt. Die Partei war etabliert und spielte das Spiel der Politk virtuos mit. Die Politiker nahmen sich so furchtbar ernst und rückten immer weiter von mir weg.

Aber wo könnte dann meine politische Heimat liegen? Bei der SPD, der Partei von Brandt und Schmidt? Klar, wenn es Staatsmänner gibt, die ich bewundere, dann waren es die beiden. Aber ihre Erben? Aber nein. Scharping oder Schröder, das ging einfach nicht. Und die CDU? Äh, nein, nächste Frage. Die FDP scheidet natürlich völlig aus, wie auch später die PDS – oder wie die linken Brüder heißen.

Streiten um ein paar Euro
Es ist tragisch, dass inzwischen professionelle Politiker unser Land regieren, Menschen, die nur fürs Abgeordnetenhaus studiert haben. Aber Berufswunsch Politiker ist weltfremd. Entscheidungsträger, die nur noch vom Hörensagen kennen, wie ein Großteil der Bevölkerung lebt und wo die Probleme der Menschen liegen. Politiker, die darüber streiten, ob die Ärmsten des Landes fünf oder zehn Euro im Monat mehr erhalten, aber ihre eigenen Bezüge nach Gutdünken erhöhen.

Nun haben die Piraten angelegt. Liest man sich durch, was die junge Partei will, wird man noch kein großes Programm erkennen. Sie ist noch zu jung, um einfach nur die üblichen Phrasen und Wahlversprechen herunterzubeten. Noch strahlt der Idealismus aus jeder Hautunreinheit der Protagonisten. Sie haben eigentlich keine Chance, Politik mitzugestalten. In Berlin erreichten die Piraten zwar gerade einen Achtungserfolg, aber bundesweit werden sie noch eine ganze Weile nur bei Sonstige zu finden sein.

Doch so war es auch bei den Grünen. Erst kamen die Großstädte, dann die Länder. Die Freibeuter haben eine gute Chance, junge und eigentlich politikverdrossene Wähler an die Urnen zu locken. Die Wahl wird zum Flashmob, organisiert per Facebook. Während Politiker anderer Parteien nur ein wenig das Internet ausprobieren, ist die Piratenpartei ein Kind des Webs. Zwar mit radikalen Ansichten was das Urheberrecht betrifft, aber dafür auch souverän bei Diskussionen zum Thema Datenschutz. Etablierte Parteien sollten die Piraten nicht unterschätzen, denn sie sprechen die Sprache der jungen Leute – und die sind unsere Zukunft. Und damit ich auch ein bisschen mithören kann, habe ich einfach mal einen Mitgliedsantrag unterschrieben. Künftig werde ich hier ab und zu davon berichten, wie es so ist, das Leben eines Freibeuters zu führen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>