Ach war das schön, damals, mit der Musik. Statt Festplatten gab es Plattenspieler, statt USB-Sticks wurden Kassetten bespielt. Und jetzt? Per Mausklick wechseln neueste Alben, ja ganze Sammlungen den Besitzer. Raritäten werden zum Online-Hit und Perlen landen vor den Säuen. Ein Segen, der ein Fluch ist.
Mein iPod ist voll, es ist einfach kein Platz mehr drauf. Dabei passen da rund 64 Gigabyte Daten auf den Speicher. Ich habe so viel Musik immer dabei, dass ich ein paar Wochen ununterbrochen die Songs hören könnte, ohne dass sich einer wiederholt. Weil ich überfordert bin von der Menge, höre ich häufig Musik nach dem Zufallsprinzip und überlasse die Auswahl dem iPod. Oft entdecke ich dabei tolle Songs, die ich vorher noch nie gehört habe – obwohl ich sie sicher schon Monate mit mir herumschleppte.
Nein, natürlich soll hier nicht über die „gute alte Zeit“ geredet werden, aber damals, als ich noch Schallplatten gekauft habe, reichte mein Geld meist nur für ein, zwei Scheiben im Monat. Später, als ich mein Taschengeld nach der Schule mit Nebenjobs aufbesserte, waren es ein bis zwei Alben pro Woche. Im Plattenladen ging ich dann entweder gezielt zu den Neuheiten oder ließ mich vom Fachpersonal – was es tatsächlich noch gab – beraten. Ganz aufgeregt ging, nein, lief ich dann nach hause, legte die Platte auf den Teller, und hörte die Scheibe hoch und runter, mehrmals hintereinander. Ich prägte mir dabei das Cover ein und las, wenn sie aufgedruckt waren, die Liedtexte mit. Die Beschäftigung mit der neuen Musik beanspruchte also nicht nur meine Ohren – es wurden viel mehr Sinne angesprochen.
Die Scheiben sortierte ich immer mal wieder um. Mal nach Namen, mal nach Genres. Ich hatte sogar eine Phase, in der ich einige Cover wie ein Wandbild als Blickfänger auf die Regale gestellt habe. Erstaunlich, davon ist nichts mehr geblieben. Von Vinyl bin ich auf CDs und von Discs auf Digital umgestiegen. In wochenlanger Kleinarbeit habe ich alle Tonträger digitalisiert. Meine Wohnung hat viel Platz gewonnen, ich konnte Regale abbauen. In meiner vernetzten Welt kann ich inzwischen in jedem Raum digitale Musik hören und wähle Songs einfach per iPhone aus. Doch so praktisch diese Form der Beschallung ist, so wenig sinnlich ist es, Musik auf diese Weise zu erleben.
Musik riecht nicht
Auch heute kaufe ich noch Musik, aber ich freue mich deutlich weniger über meinen Kauf. Ich muss nicht wählen, ich kaufe, was mir gefällt. Bei den MP3-Stücken gibt es keine Schutzhülle, kein Artwork, dass ich in den Händen halte. Lediglich ein paar Dateien wandern auf meine Festplatte. Die riechen nicht neu, die verursachen keine Gänsehaut, wenn die ersten Klänge ertönen. Und ich gebe früher auf, wenn mir eine Scheibe nicht gleich beim ersten Hören gefällt. Ich erarbeite mir die Songs nicht mehr. Finde ich die ersten Tracks langweilig, klicke ich schnell weiter.
So schön die digitale Welt ist, schließlich macht sie vieles einfacher, so viel nimmt sie auch. Ein Komponist muss mit seiner Musik viel schneller die richtigen Knöpfe drücken, um sich festzusetzen. Die Musik wird beliebiger. Natürlich gibt es keinen Weg zurück, auch wenn Vinyl ja eine immerwährende Renaissance feiert – dafür ist der schnelle Klick viel zu praktisch. Ich bin nicht auf Ladenöffnungszeiten angewiesen. Will ich einen Song haben kann ich ihn überall und jederzeit kaufen. Doch durch die ständige Verfügbarkeit verliert die Musik oft ihre Besonderheit. Es zählt nicht mehr, was man hört – wichtig ist, dass man es hat.
Noch komme ich mit dem Überfluss an Songs gut zurecht. Doch die Technik macht nicht halt – immer mehr Dienste bieten Musik an, ohne dass man etwas herunterladen muss. Wirklich jeder Song kann per Internetverbindung einfach angehört werden, abgerechnet wird per Flatrate. Je mehr Songs man sich anhören kann, desto weniger hört man hin.
Ich erinnere mich gerne an eine Szene aus dem Film “Demolition Man”. Sly Stallone wacht dort nach langem Schlaf in einer ihm fremden Welt auf. Die Menschen stehen dort auf kurze Songs, maximal zehn Sekunden lang. Werbejingles. Für mehr reicht die Konzentration nicht mehr aus. Zum Glück sind wir von so einer Welt noch weit entfernt. Doch ab und zu lugt sie schon hervor, ertönt sie aus den iPods dieser Welt. Und dann lehne ich mich zurück, setze meine Kopfhörer auf, höre mir ein mindestens 20 Jahres altes Album an, von Anfang bis Ende – und halte die Zukunft noch einen Moment auf.
Ach, Gerd, wenigstens das mit der Gänsehaut sollten wir doch wieder hinbekommen…
(Link entfernt…)
gruss
Nice…!